Liebe Freundinnen und Freunde,
nach einer kleinen Pause habe ich heute mal wieder das Gesammelte geordnet und daraus kleine Texte gemacht, Gedankensplitter.
Eure Uta-Maria
1. Gedankensplitter
Mein Besuch im Musée de la Romanité in Nîmes
Im Urlaub waren wir in Nîmes, klar, das gehört dazu, wenn man die Provence bereist. Dort ist u.a. die sehr schöne Arena und daneben das architektonisch interessante und sehr gut konzipierte Musée de la Romanité. Ausstellungstechnisch ist es auf dem neuesten Stand, viele Exponate, hell, klar, aber ich bekam keinen wirklichen Zugang dazu. Da wurde mir klar, wie viele Voraussetzungen man braucht, um sich etwas zu erschließen, auch ein gut gemachtes Museum. Die Antike hat mich nie sonderlich interessiert und ich weiß nicht so viel darüber, also habe ich nicht so gute Voraussetzungen für den weiteren Zugang und die weitere Erschließung.
In Nîmes habe ich es gemerkt, aber wie oft merke ich es nicht und gebe mir dann keine Mühe? Oder ich meine, dass es nicht interessant ist, nicht relevant oder was man sich so an Erklärungen ausdenkt. Und wie wichtig ist es, gute Voraussetzungen für die Zugänge zu den verschiedensten Feldern des Lebens zu haben. Ich verstehe von Volkswirtschaft beinahe nichts und wie wichtig wäre das doch – die Reihe lässt sich sicher endlos fortsetzen. Für mich heißt es einmal mehr, wie wichtig Schule und Bildung ist, um im Leben klarzukommen und einen konstruktiven Beitrag zur Zivilgesellschaft leisten zu können.
Eigenes Denken – es fällt mir schwer
In einem Newsletter machte ich mir Gedanken zum Subtext der Politik und wie schwer mir die Erschließung und der Zugang dazu fällt. Mir fällt die Abstraktion von der Oberflächenstruktur, von dem Gesagten, hin zur Tiefenstruktur, dem was allem zugrunde liegt, oft schwer. Man muss den Kontext bedenken, eine Skalierung der Grundüberzeugungen in ihrer Polarität erfassen, allein schon um sich verorten zu können oder auch den Kontext zu variieren. Wenn ich an den Krieg in der Ukraine denke, jeder schlägt auf den anderen ein und meint recht zu haben – ginge da nicht mit etwas Nachdenken auch ein Gespräch, ein Verhandeln, ein Aushandeln ohne Gesichtsverlust? Können wir nicht die Vergangenheit anders bewerten, um in der Zukunft zu neuen Konstellationen zu kommen.
Satire ist ganz groß beim eigenen Denken. Sie nehmen ein Phänomen und machen etwas anderes daraus, indem sie andere Perspektiven, einen anderen Rahmen und eine kleine Verzerrung einbauen. Es gibt sicher noch viele andere Beispiele für eigenes Denken.
Mir fällt es oft schwer, den notwendigen Abstand zu den Phänomen herzustellen, eine andere, eine eigene Sichtweise zu entwickeln und zwar so, dass ich es auch anderen vermitteln kann.
Neugier
In Kalifornien gibt es jetzt das Institut für unendliche Neugier von Ray und Charles Eames. https://www.eamesinstitute.org/
Als ich zum ersten Mal davon flüchtig las, dachte ich, dass es um design thinking und Kreativitätstechniken ganz allgemein ginge und das zündete ein ganzes Feuerwerk in meinem Kopf an. Unendliche Neugier! Was für eine Gabe! Was für eine Haltung! Und doch ist das gar nicht so einfach. Denkt man polar, so sehe ich auf der einen Seite die Ordnung, die Tradition, die Regeln, Leitplanken, die „Sicherheit“ und auf der anderen Seite die Offenheit, das Suchen, den Mut, das Risiko. Und wo befinden wir uns zu welchem Zeitpunkt unseres Lebens? Wie ändert sich das? Was können wir tun, um neugierig zu werden und zu bleiben?
Freude - Glück
Glück ist ein großes Wort und vor allem auf Dauer eigentlich nicht erreichbar. Freude ist die kleine Schwester und im Alltag einfacher herzustellen. Und es gibt so viele Dinge, an denen man sich freuen kann, ganz kleine, eine Blume, ein Lächeln, ein freundliches Wort und die großen kommen dann auch. – Diese Gedanken fand ich in der französischen Marieclaire im Oktober.
Politische Bilder
Die Zeit-Stiftung greift oft interessante Themen auf, so auch die Macht politischer Bilder. Der Kniefall von Willy Brandt in Warschau ist so ein politisches Bild, der Sturm aufs Kapitol in Washington nach der Wahl 2021 ein anderes. In unserer bildgetriebenen Kultur gibt es viele Beispiele und sie wirken, auch im Falle ihres Fehlens.
In unserem Urlaub in der Provence kamen wir in Nîmes durch Zufall bei einer militärischen Ehrenbezeugung für die Gefallenen im Algerienkrieg vorbei. Es war alles geboten, Veteranen, die kaum noch laufen konnten mit ihrer Regimentsfahne, Ansprachen, die Kommandantin in Stöckelschuhen aber mit allen militärischen Gesten, der Bürgermeister mit Schärpe, Kranzniederlegung, das Absingen der Marseillaise, Ehrenbezeugungen, Soldaten in Hab-acht und dann war es auch vorbei. In Deutschland ist so etwas undenkbar. Durch den Missbrauch im Dritten Reich haben wir eine gebrochene Tradition, keine Kontinuität von Ritualen, keinen Stolz, keine Ehrung der Vergangenheit. Für uns war das sehr interessant, auch ein Aspekt von Frankreich.
Umverteilung – Leistungsbereitschaft
Das ist ein Thema, das mich sehr bewegt, vielleicht auch deshalb, weil ich nicht mehr aktive Leistungserbringerin im Arbeitsprozess bin. Ich bin von der Leistungsbereitschaft anderer jetzt abhängig und das ohne meinen Beitrag zum Generationenvertrag erbracht zu haben. Ich sehe durchaus, dass man Bedürftigen, Kranken oder Menschen, die unverschuldet im Unglück sind, helfen muss. Mein Eindruck ist jedoch, dass das Thema „soziale Gerechtigkeit“ / Umverteilung ein zentrales politisches Bild geworden ist. Wird uns nicht grade vermittelt, dass wir alle ein Recht auf Wohlstand ohne Arbeit und ohne Sparen haben? Fast fashion und fast food haben es schon vorgemacht, alles billig, alles Schnäppchen ohne Rücksicht auf ökologische Verluste und die „Schattenkosten“. Irgendwie macht mir das Sorge. Wie lange wird die Gesellschaft von der Leistungsbereitschaft noch getragen? Müssten wir die nicht viel mehr fördern? Müssten wir nicht viel eher erkennen, welche Zusammenhänge zwischen unserem Verhalten und dem (ökologischen) Zustand der Welt ist?
2. Treibgut – des trouvailles
Wer hat die ökonomische Dominanz?
Die bereits 2001 gegründete Shanghai Cooperation Organisation, die gemeinsame Militärmanöver abhält und derzeit mit Putin und Xi Jinping in Usbekistan tagt, nimmt Gestalt an. Sie umfasst zwei Atommächte, 40 Prozent der Weltbevölkerung und ist mit einem kumulierten Sozialprodukt von 20 Billionen Dollar größer als die Europäische Union. Beim Vergleich der Kaufkraftparitäten (im Konzept der purchasing power parity) von USA/EU mit 44,65 Billionen Dollar vs. der SOZ mit 44,55 Billionen Dollar wird deutlich, dass diese neue Allianz kein „Scheinriese“ ist, wie die „Welt“ heute kommentiert, sondern dass der Westen seine ökonomische Dominanz verloren hat.
Gabor Steingart vom 16. 9. 2022
Der Anteil der fossilen Primärenergie
Weltweit der gleiche Befund: Trotz all der milliardenschweren Investments in den vergangenen fünf Jahren in Wind- und Solaranlagen bestreiten Öl,
Gas und Kohle rund
82 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs in 2021. In den vergangenen fünf Jahren wurde lediglich eine Reduktion der fossilen Primärenergie von drei Prozent erreicht. An der
Börse spiegelt sich dieses
Beharrungsvermögen der alten, fossilen Welt in exorbitanten Kurssteigerungen für Öl- und Gaskonzerne wider. Allein die saudi-arabische Firma Saudi Aramco ist an der Börse mehr wert als alle
DAX-40-Konzerne zusammen.
Gabor Steingart vom 16. 9. 2022
3. Letzte Seite – de la poésie
An die Sonne von Ingeborg Bachmann
Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönerem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.
Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.
Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.
Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Dass ich wieder sehe und dass ich dich wiederseh!
Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein ...
Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,
Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!
Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.
Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.